KREBSMEDIKAMENTE (ZYTOSTATIKA)

Medikamente, die zur Chemotherapie eingesetzt werden, heißen Zytostatika. Alle Zytostatika haben die Eigenschaft, das Wachstum von Zellen zu verlangsamen oder diese sogar abzutöten. Besonders Tumorzellen, die sich schnell teilen und vermehren, sind Angriffsziel von Zytostatika: Meistens behindern sie die Zellteilung, so dass sich der  Tumor nicht mehr ungehindert ausbreiten kann. Aber auch gesunde Körperzellen können durch die Medikamente in Mitleidenschaft gezogen werden. Beeinträchtigt werden - in unterschiedlichem Umfang - alle sich schnell regenerierenden Gewebe, was ein wichtiger Grund für die unerwünschten Nebenwirkungen von Zytostatika ist. Mehr über die Nebenwirkungen der Chemotherapie lesen Sie hier.

Nicht jedes Zytostatikum wirkt gegen jede Krebsart. Bei der Behandlung von Darmkrebs hat sich seit vielen Jahren das Medikament 5-Fluorouracil bewährt. In den vergangenen Jahren wurden dazu eine Reihe weiterer Wirkstoffe für die Chemotherapie bei Darmkrebs entwickelt und getestet. Mit Hilfe von Zytostatikakombinationen zeigen sich heute Verbesserungen auch für Patienten mit metastasiertem, fortgeschrittenem Darmkrebs im Stadium IV.

Darüber hinaus kommen neuartige zielgerichtete Medikamente bei der Behandlung von fortgeschrittenem Darmkrebs zum Einsatz. Dabei handelt es sich nicht um Zytostatika, sondern um Antikörper. Diese entfalten ihre Wirkung auf ganz andere Art und Weise . Die Antikörpertherapie wird jedoch fast immer mit einer Chemotherapie kombiniert. Mehr zum Einsatz der neuen, zielgerichteten Antikörper lesen Sie hier.

Damit Sie als Patient von einer Chemotherapie (mit oder ohne Anti-körper) bestmöglich profitieren können, sollten Sie sich bei einem Tumorzentrum oder einer Universitätsklinik nach den aktuellen Behandlungs-möglichkeiten erkundigen. Besprechen Sie mit den Ärzten auch, ob es für Sie Sinn macht, an einer laufenden klinischen Studie teilzunehmen.

Quelle: Schmiegel et al. S3-Leitlinie "Kolorektales Karzinom" - Ergebnisse evidenzbasierter Konsensuskonferenzen am 6./7. Februar 2004 und am 8./9. Juni 2007 (für die Themenkomplexe IV, VI und VII) Z Gastroenterol 2008; 46: 1–73.

Neu-Zulassung von Medikamenten

Bevor neue Wirkstoffe die Zulassung als Arzneimittel erhalten, werden sie in aufwändigen klinischen Studien bei der Behandlung von Patienten mit Darmkrebs geprüft. Eine Zulassung erfolgt in der Regel für eine konkrete Verwendung, beispielsweise zur Behandlung von Darmkrebspatienten im Rahmen einer palliativen Chemotherapie innerhalb eines bestimmten Behandlungsschemas.

Auch nach der Zulassung finden mit den neuen Medikamenten oder neu zugelassenen Zytostatikakombinationen weitere klinische Studien statt, um deren Wirksamkeit und Verträglichkeit fortlaufend zu prüfen. Ihr Verwendungszweck kann später auf andere Behandlungssituationen ausgeweitet werden. Wichtig ist immer, dass die neuere Behandlung gegenüber der bisherigen Standardtherapie wirkliche Vorteile aufzeigt.

Beantragt ein pharmazeutisches Unternehmen für sein Medikament eine Zulassung, kann dies entweder länderübergreifend in einem europäischen Zulassungsverfahren geschehen oder in jeden Land separat über ein nationales Verfahren.. In letzterem Fall kann es passieren, dass beispielsweise die englische Landesbehörde einer Zulassung zustimmt, die deutsche sie jedoch verweigert, da die Prüfer hier von den Studien-daten (noch) nicht überzeugt sind. Wenn Ihr Arzt dennoch der Ansicht ist, dass die Behandlung mit einem ausländischen Medikament für Sie von Vorteil ist, kann man das Arzneimittel über eine internationale Apotheke importieren. 

Im Folgenden finden Sie Informationen zu den derzeit verfügbaren Zytostatika, die bei der Chemotherapie gegen Darmkrebs regelmäßig eingesetzt werden.

5-Fluorouracil/Folinsäure

Das am häufigsten bei Darmkrebs eingesetzte Krebsmedikament heißt 5-Fluorouracil oder kurz: 5-FU. 5-FU blockiert die Herstellung neuer Bausteine für die Erbsubstanz, die bei der Zellteilung benötigt werden. Um die Wirkung von 5-FU auf chemischem Wege zu verstärken, wird es oft mit Folinsäure (FA, Handelsname: Leucovorin®) kombiniert. Diese Kombinationstherapie aus 5-FU und Folinsäure heißt kurz 5-FU/FA.

Bis Ende der Neunziger Jahre wurde 5-FU zusammen mit dem Medikament Levamisol verabreicht. Diese Kombination hat sich dann jedoch nicht bewährt, denn Levamisol zeigte stärkere Nebenwirkungen als Folinsäure und erzielte keine besseren Erfolge. Falls man Ihnen dennoch eine Therapie mit 5-FU/Levamisol empfiehlt, sollten Sie sich zur Sicherheit eine zweite ärztliche Meinung einholen.

Die häufigsten und schwerwiegendsten Nebenwirkungen einer Chemotherapie mit 5-FU sind Durchfälle, Entzündungen der Mundschleimhaut, Übelkeit und Erbrechen, sowie eine gestörte Knochenmarkfunktion (Knochenmarktoxizität). „Häufig“ bedeutet, dass diese Neben-wirkungen bei mehr als einem von 100, aber weniger als einem von 10 Patienten auftreten. Diese Nebenwirkungen können dazu führen, dass die Therapiedosis von 5-FU gesenkt werden muß. Im Allgemeinen aber gilt eine Behandlung mit 5-FU als gut verträglich und muss nur selten wegen starker Nebenwirkungen abgebrochen werden.

Manche Menschen – etwa ein bis drei Prozent der Bevölkerung – besitzen eine genetisch bedingte Unverträglichkeit gegen 5-FU. Bei ihnen ist die Aktivität eines körpereigenen Enzyms, des DPD-Proteins, vermindert bzw. nicht mehr vorhanden (DPD = Dihydropyrimidin-Dehydrogenase) und es kommt zu einem DPD-Mangel. Das DPD-Enzym sorgt dafür, dass 5-FU nach einer gewissen Zeit im Körper abgebaut wird, also keine zu hohen Spiegel erreicht werden. Ist das DPD-Protein durch eine Genveränderung (Mutation) nicht mehr in ausreichendem Maße im Körper vorhanden, verbleibt zu viel 5-FU im Körper, was bei diesen Menschen zu schweren und gefährlichen Nebenwirkungen führen kann.

Quelle: Stellungnahme der AIO: Die Rolle der DPD-Bestimmung vor Beginn einer 5-Fluorouracil-haltigen Chemotherapie (http://www.aio-portal.de/html/info/stellung_pw/stellungnahme2.pdf)

Um die Verträglichkeit auf 5-FU von vorne herein abschätzen zu können, ist es möglich, die häuigsten DPD-Mutationen mit Hilfe einer speziellen Untersuchung aufzuspüren. Wenn bei Ihnen eine schwere 5-FU-Unverträglichkeit aufgetreten ist, ist eine Indikation für die DPD-Genotypisierung unstrittig. In diesem Fall fragen Sie Ihren Onkologen nach einer Untersuchung des DPD-Gens. Hierbei handelt es sich um die so genannte DPD-Genotypisierung, also eine Genanalyse. Zur Durchführung ist eine Blutprobe notwendig, die im Labor untersucht wird. Ein Ergebnis liegt nach wenigen Tagen vor.

Quellen:
Lazar A, Jetter A. Pharmakogenetik in der Onkologie: 5-Fluorouracil und die Dihydropyrimidin-Dehydrogenase. Dtsch Med Wochenschr. 2008 Jul;133(28-29):1501-4. (Review.)
AIO-Stellungnahme "Die Rolle der DPD-Bestimmung vor Beginn einer 5-Fluorouracil-haltigen Chemotherapie", Link: http://www.aio-portal.de/html/info/stellung_pw/stellungnahme2.pdf)

 

Oxaliplatin (Handelsname: Eloxatin®)

Oxaliplatin wird in Deutschland seit 1999 zur Behandlung von Darmkrebs in Kombination mit 5-FU/FA eingesetzt. Klinische Untersuchungen bei fortgeschrittenem Darmkrebs haben eindeutig gezeigt, dass auf die Kombination 5-FU/FA plus Oxaliplatin im Vergleich zur alleinigen Therapie mit 5-FU/FA mehr Patienten ansprechen. Zudem verlängert sich durch die Hinzunahme von Oxaliplatin der Zeitraum bis zum Fortschreiten der Erkrankung.

Neueste Untersuchungen bei Dickdarmkrebspatienten in den Stadien II und III zeigten, dass Oxaliplatin auch in der adjuvanten Chemotherapie nach erfolgreicher Operation Verbesserungen erbringt. Dementsprechend wurde die Standardtherapie in der adjuvanten Situation um die Kombinationsbehandlung mit 5-FU/FA/Oxaliplatin (Kurzbezeichnung: FOLFOX) erweitert.

Unter Oxaliplatin tritt sehr häufig Durchfall, eine Störung der Knochenmarkfunktion und Nerven-Missempfindungen (Neuropathien) auf. Neuropathien äußern sich in Symptomen wie Ameisenlaufen oder Pelzigsein, vor allem an Fingern und Zehen, die meistens innerhalb weniger Tage vorübergehen. Geht die Behandlung über einen längeren Zeitraum, können die Beschwerden auch zunehmen, so dass es den Patienten beispielsweise schwer fällt, Knöpfe zu schließen. Ärzte sprechen von einer sensorischen Neuropathie. Bei älteren Menschen muss die Behandlung in seltenen Fällen wegen dieser Nebenwirkung abgebrochen werden. In der Regel verschwinden die Missempfindungen nach Therapieende wieder.

Liegen Lebermetastasen vor, ist eine Kombination von 5-FU mit Oxaliplatin (oder Irinotecan, siehe unten) empfehlenswert. Sind die Metastasen zunächst nicht operabel, so können  sie in manchen Fällen durch die Kombinationstherapie soweit verkleinert werden, dass der Chirurg sie doch noch durch eine Operation entfernen kann. Hierdurch kann die Überlebenszeit zum Teil um Jahre verlängert bzw. eine Heilung erreicht werden.

Quelle: Schmiegel et al. S3-Leitlinie "Kolorektales Karzinom" - Ergebnisse evidenzbasierter Konsensuskonferenzen am 6./7. Februar 2004 und am 8./9. Juni 2007 (für die Themenkomplexe IV, VI und VII) Z Gastroenterol 2008; 46: 1–73.

Irinotecan (Handelsname: Campto®)

Irinotecan wird in Deutschland und den USA seit 1998 eingesetzt. Eine Chemotherapie mit Irinotecan erfolgt entweder in Kombination mit 5-FU/FA oder auch als Einzelbehandlung, wenn der  Tumor auf eine Behand-lung mit 5-FU/FA nicht anspricht. In Studien bei fortgeschrit-tenem Darmkrebs schlug die Kombinationstherapie von Irinotecan plus 5-FU/FA (Kurzbezeichnung: FOLFIRI) eindeutig besser an als die alleinige 5-FU/FA-Therapie. Zudem verlängerte sich die Überlebenszeit der Patienten. Die Kombination von Irinotecan mit dem Antikörper Cetuximab kann nach Versagen einer oxaliplatinhaltigen Therapie (FOLFOX) oder einer irinotecanhaltigen Therapie (FOLFIRI) zum Einsatz kommen.

Quelle: Schmiegel et al. S3-Leitlinie "Kolorektales Karzinom" - Ergebnisse evidenzbasierter Konsensuskonferenzen am 6./7. Februar 2004 und am 8./9. Juni 2007 (für die Themenkomplexe IV, VI und VII) Z Gastroenterol 2008; 46: 1–73.

Derzeit wird Irinotecan regelmäßig bei Patienten mit fortgeschrittenem Darmkrebs (Stadium IV) eingesetzt. Die Verwendung von Irinotecan in der adjuvanten, (postoperativen) Chemotherapie von Tumoren der Stadien II und III ist auf Basis der vorliegenden Daten aus größeren Studien nicht zu empfehlen.

Quelle: Schmiegel et al. S3-Leitlinie "Kolorektales Karzinom" - Ergebnisse evidenzbasierter Konsensuskonferenzen am 6./7. Februar 2004 und am 8./9. Juni 2007 (für die Themenkomplexe IV, VI und VII) Z Gastroenterol 2008; 46: 1–73.

Viele Patienten berichteten, dass Irinotecan besser verträglich sei als 5-FU/FA. Allerdings gibt es problematische Fälle, bei denen als Nebenwirkung starke Durchfälle auftreten können, die bei Nichtbehandlung für den Patienten gefährlich werden können. Diese Nebenwirkung kann man durch eine Dosisverringerung von Irinotecan und eine Zusatzbehandlung mit Durchfall-Medikamenten eindämmen. Wichtig ist, dass Sie sich als Patient über diese Nebenwirkung gut aufklären lassen.


Capecitabin (Handelsname: Xeloda®)

Capecitabin wurde im Frühjahr 2001 in Deutschland zugelassen, in den USA und in der Schweiz bereits 1998. Man nimmt Capecitabin in Tablettenform ein. Es handelt sich dabei – genauso wie beim Uracil/Ftorafur (s.u.) - um ein so genanntes "Prodrug", also um eine chemische Vorstufe zum eigentlichen Wirkstoff. Im Körper wird Capecitabin in mehreren Schritten chemisch verändert und zuletzt durch ein Enzym in das Zytostatikum 5-FU (s.o.) umgewandelt. Dieser letzte Schritt findet vorwiegend im Tumorgewebe statt, so dass 5-FU vornehmlich im  Tumor angereichert wird und dort wirken kann.

Die Behandlung mit Capecitabin zeigte sich als besser verträglich als die 5-FU/FA-Standardtherapie. Dies bedeutet einen Vorteil für die Lebensqualität der Patienten. Eine Verlängerung der Überlebenszeit gegenüber 5-FU/FA konnte mit Capecitabin bisher nicht gezeigt werden. Patienten schätzen vor allem die bequeme Einnahme als Tablette. Capecitabine kann auch in Kombination mit Oxaliplatin oder Irinotecan eingesetzt werden, d.h. es kann in diesem Regimes 5-FU ersetzen, ohne dass die Wirksamkeit der Kombinationstherapie beeinträchtigt ist.

Quelle: Schmiegel et al. S3-Leitlinie "Kolorektales Karzinom" - Ergebnisse evidenzbasierter Konsensuskonferenzen am 6./7. Februar 2004 und am 8./9. Juni 2007 (für die Themenkomplexe IV, VI und VII) Z Gastroenterol 2008; 46: 1–73.

Uracil/Ftorafur oder Tegafur (Handelsname: UFT®)

Ftorafur/Uracil ist seit Frühjahr 2001 in Europa und seit März 2002 in Deutschland zur Behandlung von Patienten mit metastasiertem Darmkrebs (Stadium IV) zugelassen. Ftorafur wird auch Tegafur genannt. Wie beim Capecitabin (s.o.) handelt es sich hier um ein "Prodrug", das in Tablettenform eingenommen wird. Nach chemischer Umwandlung im Körper entsteht das Zytostatikum 5-FU, eine zusätzliche Infusion mit Folinsäure verstärkt die Wirkung von Ftorafur/Uracil.

In klinischen Studien waren die Wirksamkeit der Behandlung und die Überlebenszeit vergleichbar mit denen der 5-FU/FA-Standardtherapie. Wie beim Capecitabin ist der Vorteil von Ftorafur/Uracil seine bessere Verträglichkeit, und dass es als Kapsel geschluckt werden kann.