ANTI-ANGIOGENESE

Wenn ein Tumor wächst, benötigt er Sauerstoff und Nährstoffe aus dem Blut. Um die Versorgung damit sicherzustellen, knüpft der Krebs Verbindung zu angrenzenden Blutbahnen. Durch chemische Signale des Tumors angeregt, sprossen Blutgefäße in den Tumor hinein und versorgen die Krebszellen mit Nährstoffen. Dieser, für das Krebswachstum ganz wichtige Prozess wird in der Fachsprache Angiogenese (Gefäßneubildung) bezeichnet.

Ziel einer neuen Therapiestrategie ist es, die Bildung und Einsprossung von Blutgefäßen in den Tumor zu hemmen und ihn auf diese Weise von der wichtigen Blutversorgung abzuschneiden. Wissenschaftler nennen das Anti-Angiogenese. Als Angiogenesehemmer fungieren dabei unter anderem spezielle Antikörper, mit deren Hilfe man hofft, das Tumor-wachstum dauerhaft kontrollieren zu können. Klinische Studien mit solchen Medikamenten laufen in den USA und Europa auch bei Darmkrebspatienten.


Vaskulärer Endothelialer Wachstumsfaktor (V-EGF)

Ab einer Größe von zwei Millimetern benötigt ein bösartig wachsender  Tumor eine eigene Blutversorgung, um seinen Bedarf an Nährstoffen und Sauerstoff sicherzustellen. Krebstumoren verfügen über ausgeklügelte Mechanismen, mit deren Hilfe sie Blutgefäße zum Aussprossen anregen können. Insbesondere die Bildung des Botenstoffs Vaskulärer Endothelialer Wachstumsfaktor (VEGF, engl.: Vascular Endothelial Growth Factor) spielt dabei eine herausragende Rolle. Er wird von den Tumorzellen in die Blutbahn ausgeschüttet und dockt an eine Bindungstelle (Rezeptor) auf der Oberfläche der Gefäßzellen, dem so genannten VEGF-Rezeptor (VEGF-R), an. Dies bewirkt, dass die Blutgefäße in Richtung des Tumors wachsen. Verhindert man die Bindung des Botenstoffs an den Rezeptor auf den Blutgefäßzellen, bleibt das Wachstumssignal an die Blutgefäße aus, die Angiogenese wird gehemmt.

Forscher verwenden dazu im Labor hergestellte Antikörper, Eiweißstoffe also, die sich präzise an den VEGF anlagern und dadurch dessen Bindung den den Rezeptor blockieren. In Forschungsarbeiten wurde nachgewiesen, dass solche Angiogenesehemmer tatsächlich die Durchblutung im Tumor vermindern und dadurch sein Wachstum zu bremsen vermögen. Ein gänzliches Aushungern und Absterben des Tumors wurde allerdings nicht erreicht.


Einsatz bei Darmkrebs

Seit Anfang 2005 ist der Angiogenesehemmer Bevacizumab (Handelsnahme Avastin®) zur Behandlung von Darmkrebspatienten im fortgeschrittenen (metastasierten) Stadium zugelassen. Bevacizumab ist ein Antikörper, der sich gegen den Botenstoff VEGF richtet und die Ausprossung von Blutgefäßzellen im Tumor behindert. Die Behandlung erfolgt stets in Kombination mit einer Chemotherapie.

In klinischen Studien zur Anti-Angiogenese hatte die Kombination Bevacizumab plus Chemotherapie bei der Behandlung von Patienten mit fortgeschrittenem Darmkrebs Vorteile gegenüber einer alleinigen Chemotherapie gezeigt: Die Tumoren schrumpften, den Patienten ging es nach der Behandlung länger gut, und sie konnten insgesamt länger überleben.