Jürgen

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Donnerstag, 24. August 2023 - 00:00

Hallo, ich bin 53 Jahre alt, und bei mir wurde im März ein Rektumkarzinom festgestellt, T4N2M0 bösartig, 5cm groß und 2cm vom Ausgang entfernt.

Die erste Therapie habe ich hinter mir, Radio-Chemo mit Tabletten. Die Nachuntersuchungen haben ergeben, dass der Tumor dünner geworden ist und die Darmverengung am Ausgang ist zurückgegangen. Aber der Tumor ist weiterhin 5cm lang. Im Falle einer OP würde der Schliessmuskel entfernt und ein Stoma gesetzt werden. Alternative ist eine 4,5 Monate lange Chemotherapie mit Tabletten (höher dosiert als beim ersten mal) und alle 3 Wochen eine Infusion (ca 2,5 Std.). Da ich mein Schliessmuskel gerne behalten möchte, habe ich mich für die Chemo entschieden. Morgen ist Starttermin. Erste Nachuntersuchung, ob es Wirkung zeigt, ist Mitte Oktober.

Ich weiss nicht ob es die richtige Entscheidung war, und es gibt keine Garantie, dass die Chemo hilft. Letztendlich müsste ich dann doch operiert und ein Stoma gesetzt werden. Ein Arbeitskollege, der ebenfalls Darmkrebs hatte meinte, ich solle mir die Chemo sparen, da es sehr heftig ist. Er hatte auch ein Stoma, dass allerdings später zurückgebaut wurde. Krebs ist kein Wunschkonzert und Entscheidungen müssen gut überlegt sein. Um ehrlich zu sein habe ich  Angst vor den Nebenwirkungen der Chemo, die ja auch lang anhalten können. Aber so ein Stoma ist ja nicht nur eine körperliche Veränderung, man muss damit auch im Kopf klarkommen. Und das macht mir ebenfalls Angst.

Wie sind eure Erfahrungen? Wie seid ihr zu euren Entscheidungen gekommen? Und welchen Rat könnt ihr mir geben? Ich hoffe ihr könnt mir helfen, das ganze psychisch zu verarbeiten.

MFG Jochn

herirein

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Donnerstag, 24. August 2023 - 11:26

Hallo Jürgen,

ein herzliches Willkommen im Forum.

Beim Rektumkarzinom sollte bedacht werden, dass eine Streung in benachbarte Zonen und Organe relativ oft vorkommt. Erstens liegt der Tumor sehr nahe am Schließmuskel, was die Streung sdorthin vereinfacht und der Befund weist schon auf eine Streung durch die Darmwand hin.

Mit der Radiochemo wurde die erste Standardmaßnahme getroffen, den Primärtumor zu stoppen. Die sehr große Nähe (2cm) zum Schließmuskel macht die Ausweitung von Tumorzellen über dieses hochdurchblutete Organ wahrscheinlich.

Bei einem ähnlichen, aber harmloseren Befund (T3,N0,M0) und gleicher Nähe zum Schließmuskel riet mir mein Operateur vor 6 Jahren zur radikalen Rektumamputation mit dauerhaft installiertem Stoma. Bisher sind alle Kontrollbefunde im grünen Bereich geblieben. An das Stoma habe ich mich nach kurzer Einarbeitung relativ schnell gewöhnt.

Beste Grüße und viel Glück bei der Entscheidung
Heri

Nachtrag:
Auch nach einer Rektumtotaloperation, wird eine nachfolgende (6 - 8 Wochen postoperativ) Chemotherapie über 6 - 6 Zyklen mit einwöchiger Unterbrechung bei solchen schließmuskelnahen Karzinomen aus Sicherheitsgründen durchgeführt.

Jürgen

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Donnerstag, 24. August 2023 - 23:21

Erstmal Danke für die Antwort Heri,

Ja, hast du gut erkannt. Der Tumor ist bereits durch die Darmwand durch. Im März hieß es noch: beginnende Infiltration der Prostata und 2 - 4 vergrösserte Lymphknoten. Bei der Nachuntersuchung kam raus: keine genaue Abgrenzung zur Prostata zu erkennen, die Wahrscheinlichkeit der Infiltration besteht weiterhin, keine Lymphe mehr gesichtet.

Dass ich eine Chemo bei Entschluss zur OP bekomme ist mir auch bewusst, aber die sieht dann bestimmt milder aus. Dass der Schliessmuskel in diesem Fall eine Gefahr zur Streung darstellt, wusste ich nicht. Im Allgemeinen finde ich, dass von den Ärzten zu wenig detaillierte Infos kommen. Wenn man nicht alles nachfragt, geht viel unter. Trotzdem kann ich mir das mit dem Stoma nur schwer vorstellen.

Heute habe ich die erste Infusion bekommen. Mit so starken Nebenwirkungen habe ich nicht gerechnet, zumindest nicht nach dem ersten mal. Zum Glück gibts das nur alle 3 Wochen. Wenn ich alle Infos der letzten Wochen zusammenfasse, muss ich schon richtig Glück haben  die Sache ohne OP zu beenden.

herirein

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Freitag, 25. August 2023 - 13:28

Hallo Jürgen,

die Ausräumung des Primärtumors ist geeignet die Gesamttumorlast zu veringern. Der Tumor hat bereits gestreut und einzelne Tumorzellen in die Lymphbahn und Blutbahn abgegeben. Diese Tumorzellen sind geeignet sich über die Lymph- und Blutbahn an irgendwelche Organe anzukoppeln um dort Filialen zu entwickeln. In der Laiensprache nennt man solche Zellen vagabundierende Tumorzellen. Durch Chemotherapeutika wird versucht diese Zellen noch vor der Einnistung in andere Organe in die Apoptose zu schicken.

Das begründet im Allgemeinen die operative Entfernung des Primärtumors.

Gruß Heri