Es gibt eine Reihe weiterer erblicher Erkrankungen, die mit einer vermehrten Polypenbildung im Darm - der Fachmann spricht von einer Polyposis - und einem erhöhten Darmkrebsrisiko einhergehen. Zu den Polyposis-Syndromen gehört neben der familiären adenomatösen Polyposis (FAP) unter anderem die attenuierte FAP (abgekürzt aFAP), die MUTYH-assoziierte Polyposis (MAP), das Serratierte Polyposis-Syndrom (SPS), das Peutz-Jeghers-Syndrom (PJS) und die Familiäre Juvenile Polyposis (FJP).

Attentuierte FAP (aFAP)

Bei der attenuierten FAP ist die Polypenbildung weniger stark ausgeprägt als bei der klassischen FAP: Im Darm von Betroffenen findet man typischerweise ca. 10-100 Polypen. Diese entwickeln sich etwa 10-15 Jahre später als bei der klassischen Form.

Aber auch bei der attenuierten FAP besteht ein hohes Darmkrebsrisiko - daher werden jährliche Darmspiegelungen empfohlen. Eine erste Untersuchung sollte im Alter von 15 Jahren erfolgen. Findet man zu diesem Zeitpunkt noch keine Polypen, beginnt das jährliche Kontrollprogramm mit 20 Jahren. Je nach Ausprägung der Polyposis kann eine vorsorgliche Dickdarm-Entfernung (Kolektomie) notwendig werden. Da wie bei der FAP auch Tumoren außerhalb des Darms auftreten können, gelten diesbezüglich dieselben Empfehlungen wie für die klassische FAP.

MUTYH-assoziierte Polyposis (MAP)

Das Krankheitsbild einer MUTYH-assoziierten Polyposis (abgekürzt MAP) ähnelt dem der attenuierten FAP. Verursacht wird die MAP durch eine Veränderung im so genannten MUTYH-Gen. Es erkrankt aber nur, wer sowohl vom Vater als auch von der Mutter ein verändertes MUTYH-Gen vererbt bekommen hat. Hat man den Gendefekt nur von einem Elternteil erhalten, erkrankt man nicht, weil das gesunde MUTYH-Gen des anderen Elternteils dominiert. Man kann das defekte Gen aber - mit einer 50%igen Wahrscheinlichkeit - an seine Kinder weitergeben.

Wegen des hohen Darmkrebsrisikos von MAP-Patienten sollen ab dem Alter von 18-20 Jahren jährliche Darmspiegelungen durchgeführt werden. Wie bei der attenuierten FAP kann je nach Ausprägung der Polyposis eine vorsorgliche Dickdarm-Entfernung (Kolektomie) notwendig werden. Früherkennungsuntersuchungen für andere Tumoren werden nicht empfohlen.

Serratiertes Polyposis-Syndrom (SPS)

Namensgebend für das Serratierte Polyposis-Syndrom (abgekürzt SPS) ist die Form der Polypen: Die sogenannten serratierten Adenome haben eine sägezahnartige (serratierte) Architektur. Oft sind sie flach oder stellen nur eine leichte Erhebung dar. Sie unterscheiden sich damit von der typischen Polypenform, die als deutliche Vorwölbung weit in das Darmlumen hineinragt. Wie sich erst in den letzten Jahren herausgestellt hat, ist das SPS eines der häufigeren Polyposis-Sydrome. Dennoch ist über seine genetischen Grundlagen derzeit nur wenig bekannt. Die Diagnose von SPS wird daher anhand klinischer Kriterien (Anzahl, Größe und Lage serratierter Adenome) gestellt.

Das Risiko eines SPS-Patienten, im Laufe seines Lebens an Darmkrebs zu erkranken, liegt bei 15-30 %. Daher wird eine Überwachung ab dem Alter von 45 Jahren empfohlen: Bei Betroffenen sollte alle 1-2 Jahre eine Darmspiegelung erfolgen. Verwandte ersten Grades von SPS-Patienten sollten sich ebenfalls mit 45 Jahren einer Untersuchung unterziehen. Solange keine Polypen gefunden werden, können sie die weiteren Untersuchungen in 5-jährigem Abstand durchführen. Eine vorsorgliche Dickdarm-Entfernung (Kolektomie) ist nur in den Fällen notwendig, in denen die Erkrankung nicht mit der endoskopischen Überwachung im Griff gehalten werden kann.

Peutz-Jeghers-Syndrom (PJS)

Das Peutz-Jeghers Syndrom ist ein seltenes, vererbtes Krankheitsbild. Es kommt nur einmal unter 120.000-150.000 Menschen vor. Hier entstehen im gesamten Magen-Darm-Trakt Polypen - hauptsächlich jedoch im Dünndarm. Diese Polypen können zu einem bösartigen Tumor entarten.

Ursache des Peutz-Jeghers Syndroms sind Veränderungen (Mutationen) im so genannten STK11-Gen, die sich durch einen Gentest nachweisen lassen. Das krankhafte Gen kann nicht mehr die wichtigen Überwachungsaufgaben bei der Zellteilung erfüllen. Dies begünstigt die Entstehung einer Reihe verschiedener Krebserkrankungen, darunter Tumoren in Brust, Darm, Magen, Dünndarm, Bauchspeicheldrüse, Hoden, Eierstöcken und Gebärmutter. Ohne Maßnahmen erkranken 85-90% der Betroffenen im Laufe ihres Lebens an einem bösartigen Tumor - allein das Lebenszeitrisiko für Darmkrebs liegt bei etwa 40%.

Zur frühzeitigen Erkennung von Tumoren werden eine ganze Reihe von Untersuchungen empfohlen. Im Hinblick auf Darmkrebs sollte alle 1-3 Jahre eine Darmspiegelung durchgeführt werden. Die erste Untersuchung findet im Alter von 8 Jahren statt. Werden zu diesem Zeitpunkt keine Polypen gefunden, startet das Kontrollprogramm mit 18 Jahren.

Familiäre Juvenile Polyposis (FJP)

Die Familiäre Juvenile Polyposis ist eine Erkrankung, die schätzungsweise einmal unter 100.00-160.000 Menschen vorkommt. Bei etwa drei Viertel der Patienten lässt sich als Ursache eine erbliche Genveränderung (Mutation im Gen SMAD4 oder im Gen BMPR1A) nachweisen. Bei der familiären juvenilen Polyposis enstehen im Laufe des Lebens ziwschen fünf und hunderte Polypen im Verdauungstrakt. Fast bei allen Betroffenen finden sich Polypen im Dick- und Mastdarm. Zusätzlich können auch Polypen im Magen und Dünndarm auftreten. Das Risiko für bösartige Tumoren im Dick- und Mastdarm sowie im Magen ist erhöht. Experten empfehlen Untersuchungen zur Krebsfrüherkennung ab dem Alter von 15 Jahren. Dann sollte alle 1-3 Jahre sowohl eine Darmspiegelung als auch eine Magenspiegelung durchgeführt werden.


Dieser Text entstand mit fachlicher Unterstützung des Krebsinformationsdiensts (KID).

 

Quellen:
Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): S3-Leitlinie Kolorektales Karzinom, Version 1.1 – August 2014. AWMF-Registernummer: 021/007OL. http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/021-007OL.html
Stjepanovic N, Moreira L, Carneiro F, Balaguer F, Cervantes A, Balmaña J, Martinelli E. Hereditary gastrointestinal cancers: ESMO Clinical Practice Guidelines for diagnosis, treatment and follow-up. Ann Oncol. 2019 Aug 5. pii: mdz233. doi: 10.1093/annonc/mdz233.
Möslein G. Risikogruppen mit einer erblichen Disposition für familiäre (polygene) kolorektale Karzinome: Update zu Diagnose, Prävention und Therapie. Der Onkologe, February 2016; 22(2):84-97. doi: 10.1007/s00761-015-3005-2
UpToDate-Datenbank: Chung DC. Juvenile polyposis syndrome.Literature review current through: Aug 2019. Zugriff Sept. 2019