Wenn Ärzte eine Behandlung empfehlen, dann haben sie zuvor deren Nutzen und deren Risiken gegeneinander abgewogen. Der Nutzen besteht zum Beispiel in der Chance auf Heilung oder Symptomlinderung, das Risiko resultiert aus möglichen Nebenwirkungen. Je weiter die Waage auf die Seite des Nutzens ausschlägt, umso besser für den Patienten - wohlgemerkt für den Patienten, denn Nutzen und Risiken können bei ein und derselben Behandlung von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich verteilt sein. Dies gilt auch für die Krebsvorsorge mit Medikamenten, die so genannte Chemoprävention.

Risikorientierte Therapieentscheidung

Schon seit längerem ist bekannt, dass beispielsweise Acetylsalicylsäure (ASS, Aspirin) die Entstehung von Darmkrebs verhindern kann. Studien zufolge reicht die tägliche Einnahme von nur 75 bis 100 Milligramm über einige Jahre hinweg aus, um die Zahl an Erkrankungs- und Sterbefällen deutlich zu senken. Allerdings geht die Behandlung oft mit Nebenwirkungen einher. Dazu zählen unter anderem Übelkeit und Sodbrennen, in schlimmeren Fällen auch Blutungen im Magen-Darm-Trakt.

Ärzte versuchen daher, jene Menschen zu identifizieren, die von der Behandlung mit ASS einen möglichst hohen Nutzen und ein möglichst geringes Nebenwirkungsrisiko haben. Dabei sind zwei Faktoren ausschlaggebend: die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Mensch im Laufe seines Lebens einen Darmkrebs entwickelt, und die Art und Weise, wie er auf ASS reagiert.

Eine besonders hohe Erkrankungswahrscheinlichkeit haben

  • Menschen, die die genetische Veranlagung für erbliche Darmkrebsformen in sich tragen (z.B. FAP, HNPCC/Lynch-Syndrom). Unbehandelt entwickeln die meisten von ihnen im Laufe ihres Lebens Darmkrebs, sodass das Nebenwirkungsrisiko einer ASS-Therapie vertretbar erscheint.
  • Menschen, die ein familiär erhöhtes Risiko für einen Darmkrebs haben, bei denen also Verwandte ersten Grades erkrankt sind oder waren. Auch ihre Erkrankungswahrscheinlichkeit ist so weit erhöht, dass der Nutzen der ASS-Einnahme den möglichen Schaden überwiegen könnte.

Experten fordern, bei diesen Personengruppen über eine Chemoprävention mit ASS nachzudenken. Darüber hinaus könnten künftig genetische Tests Aufschluss darüber geben, wie Menschen auf die Maßnahme ansprechen. Damit wird es möglich sein, das Nutzen-Risiko-Profil der Krebsvorsorge mit ASS sehr genau für den einzelnen Patienten zu benennen und sich dann für oder gegen die Maßnahme zu entscheiden.